Gasther­aus­ge­ber: Prof. Dr. Felix Wil­ke, Wes­ley Preß­ler MA (bei­de Ernst-Abbe-Hoch­schu­le Jena)

Digi­ta­le Tech­no­lo­gien prä­gen den Lebens­all­tag der meis­ten Bürger:innen in nahe­zu allen gesell­schaft­li­chen Berei­chen. Umso erstaun­li­cher ist es, dass die sozi­al­po­li­ti­sche For­schung das The­ma Digi­ta­li­sie­rung nur sel­ten expli­zit in den Blick genom­men hat (vgl. Hen­man 2022). Auf den ers­ten Blick könn­te es sich dabei um ein Spe­zi­fi­kum des natio­na­len Dis­kur­ses han­deln. Deutsch­land wird in der Digi­ta­li­sie­rungs­for­schung regel­mä­ßig als Nach­züg­ler betrach­tet, der gegen­über ande­ren Wohl­fahrts­staa­ten in digi­ta­len Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­sen auf­zu­ho­len hat (Behm/Klenk 2020). Ein genaue­rer Blick zeigt jedoch, dass das The­ma auch im inter­na­tio­na­len Dis­kurs wei­test­ge­hend aus­ge­spart wird (Hen­man 2022). Die gerin­ge Auf­merk­sam­keit könn­te dar­in begrün­det lie­gen, dass die Digi­ta­li­sie­rung bis­lang vor allem als Umstel­lung admi­nis­tra­ti­ver Pro­zes­se ver­stan­den wur­de, bei der zwar ana­lo­ge Ver­fah­ren digi­ta­li­siert wer­den, die grund­sätz­li­che Funk­ti­ons­wei­se des Sozi­al­staats jedoch unan­ge­tas­tet bleibt. Dass Digi­ta­li­sie­rungs­pro­zes­sen auch ein grö­ße­res sozi­al­po­li­ti­sches Trans­for­ma­ti­ons­po­ten­zi­al inhä­rent ist, haben For­schungs­ar­bei­ten der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit her­aus­ge­stellt, die Ver­än­de­run­gen am Arbeits­markt in den Blick neh­men (vgl. Buse­mey­er 2022). So stel­len sich bei neu­en For­men der Orga­ni­sa­ti­on von Erwerbs­ar­beit wie der Platt­form­ar­beit oder hybri­der Selbst­stän­dig­keit nicht nur Fra­gen der unmit­tel­ba­ren sozia­len Absi­che­rung sol­cher Erwerbs­ver­hält­nis­se, son­dern auch weit­rei­chen­de­re Fra­gen nach den Impli­ka­tio­nen eines lohn­ar­beits­zen­trier­ten Sozi­al­ver­si­che­rungs­sys­tems, etwa der Ren­ten­ver­si­che­rung (vgl. Null­mei­er 2022). Dabei las­sen sich auch abseits des Arbeits­mark­tes tief­grei­fen­de Trans­for­ma­ti­ons­po­ten­zia­le ver­mu­ten, die das sozi­al­staat­li­che Funk­ti­ons­ge­fü­ge ver­än­dern kön­nen. Das zei­gen Erfah­run­gen aus ande­ren Län­dern, bei­spiels­wei­se mit dem Uni­ver­sal Cre­dit Sys­tem in Groß­bri­tan­ni­en (vgl. Bennett/Currie et al. 2024).

Wäh­rend Unter­su­chun­gen zu die­sen Digi­ta­li­sie­rungs­pro­jek­ten die unmit­tel­ba­ren Aus­wir­kun­gen für Leis­tungs­be­zie­hen­de in den Fokus rücken, steht eine Ana­ly­se der indi­rek­ten Wir­kun­gen unter Rück­griff auf wohl­fahrts­staats­theo­re­ti­sche Per­spek­ti­ven noch weit­ge­hend aus. Ers­te For­schungs­er­geb­nis­se las­sen ver­mu­ten, dass durch Digi­ta­li­sie­rungs­pro­zes­se auch grund­le­gen­de Mecha­nis­men des Sozi­al­staats wie das Ver­si­che­rungs­prin­zip (Iversen/Rehm 2022) oder wohl­fahrts­staat­li­che Leit­bil­der wie Akti­vie­rung und Eigen­ver­ant­wor­tung (König 2017) vor einer tief­grei­fen­den Trans­for­ma­ti­on ste­hen. Für ein umfas­sen­des Ver­ständ­nis der Trans­for­ma­ti­on reicht ein Fokus auf den Pro­zess, des­sen Wir­kun­gen und Per­spek­ti­ven sicher nicht aus. Eben­so stellt sich die Fra­ge, ob die Digi­ta­li­sie­rung auch Akteurs­kon­stel­la­tio­nen und die Inter­es­sen betei­lig­ter Stake­hol­der ver­än­dert. Neben der Neu­po­si­tio­nie­rung bekann­ter drän­gen dabei zuneh­mend neue Akteu­re, wie Tech-Unter­neh­men, in das Feld (z.B. Lup­t­on 2018). Auch wenn Deutsch­land im Bereich der Digi­ta­li­sie­rung der Sozi­al­po­li­tik wei­ter­hin als Nach­züg­ler gilt, sind Bür­ge­rin­nen und Bür­ger mitt­ler­wei­le hier­zu­lan­de eben­falls mit sozi­al­po­li­ti­schen Digi­ta­li­sie­rungs­pro­zes­sen kon­fron­tiert. Bei­spie­le hier­für sind die digi­ta­le Ren­ten­über­sicht, digi­ta­le Pfle­ge­as­sis­tenz­sys­te­me und die elek­tro­ni­sche Pati­en­ten­ak­te. Mit einem Schwer­punkt­heft im Sozia­len Fort­schritt sol­len sol­che sozi­al­po­li­ti­schen Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­se ein­ge­hen­der beleuch­tet wer­den. Das Heft ver­folgt die Arbeits­hy­po­the­se, dass Digi­ta­li­sie­rung mehr ist als die blo­ße Umstel­lung ana­lo­ger auf digi­ta­le Ver­fah­ren. Sie ver­än­dert die Sub­stanz und den Gestal­tungs­mo­dus von Sozi­al­po­li­tik in struk­tu­rel­ler, nor­ma­ti­ver und prak­ti­scher Hin­sicht. Vor die­sem Hin­ter­grund sind theo­re­tisch und empi­risch fun­dier­te Bei­trä­ge zur Digi­ta­li­sie­rung in
unter­schied­li­chen Fel­dern der Sozi­al­po­li­tik gefragt. Fol­gen­de Fra­ge­stel­lun­gen ste­hen dabei exem­pla­risch im Fokus:

  • Wel­che Digi­ta­li­sie­rungs­pro­zes­se zeich­nen sich in ver­schie­de­nen Hand­lungs­fel­dern der
    Sozi­al­po­li­tik ab (z. B. Pfle­ge, Gesund­heits­we­sen, sozia­le Diens­te, Alters­si­che­rung), und
    wel­che sys­te­ma­ti­schen Ver­än­de­run­gen erge­ben sich für Insti­tu­tio­nen, Akteu­re und
    Adressat:innen?
  • Wel­che Aus­wir­kun­gen haben Digi­ta­li­sie­rungs­pro­zes­se auf sozi­al­po­li­ti­sche Ein­stel­lun­gen,
    Wahr­neh­mun­gen und Prä­fe­ren­zen in der Bevöl­ke­rung?
  • Inwie­fern kön­nen klas­si­sche Theo­rien des Wohl­fahrts­staa­tes (z. B. insti­tu­tio­nell, nor­ma­tiv,
    funk­tio­na­lis­tisch) zur Erklä­rung digi­ta­ler Trans­for­ma­tio­nen her­an­ge­zo­gen wer­den – oder
    bedarf es neu­er theo­re­ti­scher Instru­men­te?
  • Wel­che Kon­se­quen­zen hat die Digi­ta­li­sie­rung für Zugäng­lich­keit, Inan­spruch­nah­me und
    Teil­ha­be im Sozi­al­staat und wel­che Impli­ka­tio­nen erge­ben sich dar­aus für Grund­rech­te, wie
    infor­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung?
  • Wel­che Kon­se­quen­zen erge­ben sich durch die zuneh­men­de Data­fi­zie­rung der Sozi­al­po­li­tik?
    Wel­che Bedeu­tung hat bei­spiels­wei­se der Ein­satz algo­rith­mi­scher Sys­te­me zur
    Unter­stüt­zung bzw. Auto­ma­ti­sie­rung von Ent­schei­dun­gen oder die Eta­blie­rung von
    Ver­fah­ren auf Basis prä­dik­ti­ver Risi­ko­ab­schät­zun­gen?
  • Wel­che Wech­sel­wir­kun­gen bestehen zwi­schen Digi­ta­li­sie­rungs­pro­zes­sen und sozia­ler
    Ungleich­heit – etwa im Zugang zu Leis­tun­gen oder bei digi­ta­len Kom­pe­ten­zen?
  • Inwie­weit ver­än­dern sich sozi­al­po­li­ti­sche Leit­bil­der wie Akti­vie­rung, Eigen­ver­ant­wor­tung
    oder Soli­da­ri­tät durch Digi­ta­li­sie­rung?
  • Wie wird durch Digi­ta­li­sie­rung Wis­sen erzeugt, ver­teilt und poli­tisch wirk­sam gemacht –
    und wel­che Fol­gen hat dies für Steue­rung und Gover­nan­ce im Sozi­al­staat?
    Das Schwer­punkt­heft lädt daher dazu ein, theo­re­tisch wie empi­risch fun­dier­te Bei­trä­ge
    ein­zu­rei­chen, die sich mit Digi­ta­li­sie­rungs­pro­zes­sen in unter­schied­li­chen Fel­dern der Sozi­al­po­li­tik
    aus­ein­an­der­set­zen. Beson­ders will­kom­men sind auch inter­na­tio­nal ver­glei­chen­de Ana­ly­sen.
    Ein­rei­chung von Abs­tracts: Bit­te sen­den Sie ein Abs­tract (max. 400 Wör­ter) bis zum 31.12.2025 an Felix Wil­ke
    (felix.wilke@eah-jena.de).
    Zeit­plan:
    Bei Annah­me der Skiz­ze ist der voll­stän­di­ge Bei­trag bis zum 30.04.26 ein­zu­rei­chen. Ange­nom­me­ne
    Manu­skrip­te sind ein­ge­la­den im Rah­men einer Tagung an der EAH Jena im Juli 2026 vor­ge­stellt
    und mit Fach­pu­bli­kum dis­ku­tiert zu wer­den. Die voll­stän­di­gen Bei­trä­ge wer­den einem dop­pel­ten
    Begut­ach­tungs­ver­fah­ren unter­zo­gen. Ziel ist es, das Heft Ende 2026 zu ver­öf­fent­li­chen.
    Für Rück­fra­gen ste­hen die Gasther­aus­ge­ber gern zur Ver­fü­gung.